Ahnentafel
Als logische Konsequenz auf die urmenschliche Frage „Wer bin ich?“ folgt natürlicherweise immer die Frage „Woher komme ich?“, eine Frage, die sich jeder Mensch stellt und zu deren Beantwortung als erstes die Vorfahren, die Ahnen zu Rate gezogen werden. Dass diese und ihre Geschichte eine weit größere Bedeutung für unser Leben haben als manch einer vermuten mag, lassen die Ahnenkulte in vielen alten Religionen sowie moderne wenn auch umstrittene psychotherapeutische Praktiken wie die Familientherapie vermuten. Ganz abgesehen von dieser psychologischen Bedeutung herrschen rein naturwissenschaftlich gesehen klare Verbindungen zu unseren Vorfahren. Unsere Gene sind eine Zusammensetzung der Gene unserer Ahnen. So ist die Genealogie eine wichtige Methode in der Genforschung. Vererbbare Krankheiten konnten nur so als solche erkannt werden, die Vererbungslehre beruht großteils auf genealogische Beobachtungen. Zu guter Letzt ist die Ahnenforschung auch aus historischen Aspekten hoch interessant. Geschichte ist noch viel spannender, wenn die Handlungspersonen in direkter Verwandtschaft zu einem stehen.
So unterschiedlich die Beweggründe für die Ahnenforschung auch sein mögen, ein Mittel der Veranschaulichung ist für all diese Zwecke geeignet: die Ahnentafel. Diese ist eine schematische Darstellung der Verknüpfung zwischen einer Person, des so genannten Probanden, und seinen Vorfahren. Sie zählt zusammen mit der Nachkommentafel zu den wesentlichen Darstellungsweisen in der Genealogie. Eine Ahnentafel hat eine feststehende Ordnung. Der Name des Probanden, also der Person, deren Vorfahren dargestellt werden, trägt die Nummer 1 und steht als einziger Name in der ersten Spalte. In der zweiten Spalte stehen die Namen der Eltern, wobei der Vater die Nummer 2 erhält und die Mutter die Nummer 3. In der dritten Spalte stehen dann vier Namen, in der vierten acht, usw. So steht jede Spalte für eine Generation. Da die Nummer eines Vaters immer den doppelten Wert der Nummer des Kindes hat und die der Mutter den doppelten Wert plus 1, tragen alle männliche Vorfahren gerade Nummern, alle weiblichen dagegen ungerade. Diese Nummern werden nach dem berühmten Genealogen Stephan Kekulé von Stradonitz “Kekulé-Zahlen” genannt, diese Art der Nummerierung hat sich seit der ersten Benutzung 1590 international durchgesetzt. Beinhaltet die Ahnentafel mehr als eine Seite, werden die neuen Seiten jeweils mit der letzten Kekulé-Zahl der vorhergehenden Seite begonnen.
Die schematische übersichtliche Darstellung der Ahnentafel braucht – und das ist ihr Nachteil – je älter die Generation wird immer mehr Platz, immer doppelt so viel wie die vorherige Generation, da die Anzahl der Mitglieder theoretisch ja exponential wächst. Nur theoretisch deshalb, weil es in der Praxis häufig auftritt, dass bestimmte Ahnen in der Ahnentafel mehrfach vorkommen. Dieses als Implex oder Ahnenschwund bezeichnete Phänomen rührt daher, dass auch innerhalb der Familie geheiratet wurde. Dieser Inzuchtkoeffizient ist gerade in Adelshäusern, in abgelegenen dörflichen Gebieten oder innerhalb religiöser oder kultureller Minderheiten groß.
Zugunsten der praktischen Anwendung, aber unter Verlust der Übersichtlichkeit, hat sich seit 1920 in Deutschland die Listenform gegenüber der Tafelform durchgesetzt. So ist die Ahnenliste viel verbreiteter als die Ahnentafel. Doch die Ahnentafel bleibt als anschauliche Darstellungsweise beliebt, vor allem wenn Bilder der Ahnen vorhanden sind und so eine Bildnisahnentafel erstellt werden kann. An der Wand aufgehängt hat so eine Ahnentafel auch ästhetischen Wert.